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Juni 2017
Im Fokus
Politische Korrektheit in der Übersetzungsbranche
Übersetzer sind Mittler zwischen Kulturen und übersetzen nicht einfach nur Texte, sondern übertragen auch Gepflogenheiten, gesellschaftliche Ansichten und Meinungen sowie viele andere Komponenten, die zwischen den Zeilen oder manchen Wörtern versteckt sind. Sie müssen über die in den Kulturen vorhandenen Tabus und gesellschaftlich bedingten sprachlichen Einschränkungen im Bilde sein und diese berücksichtigen. Hierunter fällt beispielsweise auch die Anwendung der politischen Korrektheit (PC, von engl. Political Correctness).

Unter diesem Begriff werden alternative Bezeichnungen und Umschreibungen gesammelt, deren Ziel es ist, Gruppen von Menschen vor Diskriminierung, Beleidigung oder Ausgrenzung zu schützen. So setzen sich beispielsweise Menschen mit Behinderungen dafür ein, nicht als Behinderte pauschalisiert zu werden. Sie fürchten, dass sie als Menschen durch diesen Begriff ausgegrenzt und generell als „unfähig“ dargestellt werden. Spätestens seitdem der Begriff „behindert“ auf Schulhöfen von Jugendlichen als Schimpfwort missbraucht wird, ist an eine unproblematische Verwendung ohnehin nicht mehr zu denken.

Einem Übersetzer, der den englischen Begriff disabled zu übersetzen hat, muss daher bewusst sein, dass der Text einen Begriff enthält, der sowohl in anglophonen Ländern als auch im deutschen Sprachraum negativ konnotiert ist und möglichst vermieden werden sollte. Er muss nun abwägen, ob der Autor diesen Begriff ganz bewusst gewählt oder ob er unbewusst den falschen Begriff verwendet hat. Liegt eine unbeabsichtigte Verwendung vor, wird der Übersetzer den politisch korrekten Begriff im Deutschen verwenden. Ist der Begriff im Originaltext hingegen bewusst verwendet worden, muss der Übersetzer entscheiden, ob er der deutschsprachigen Leserschaft das Wort Behinderter zumuten und der Intention des ursprünglichen Autors folgen möchte.

Das obige Beispiel zeigt, dass es viel Fingerspitzen- und Sprachgefühl braucht, um bei bestimmten Thematiken den richtigen Ton zu treffen und gleichzeitig die Aussage des Originaldokuments nicht zu verändern.

Eine aktuelle Debatte rund um politisch korrekte Formulierung findet sich derzeit in Großbritannien: Die British Medical Association (BMA, eine britische Ärzteorganisation) riet ihren Mitarbeitern, schwangere Frauen nicht als „werdende Mütter“ zu beschreiben, sondern als „schwangere Personen“ (expectant persons).

Die BMA möchte jene Wertvorstellungen, die eine Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts hervorrufen können, auflösen und will mit dieser Empfehlung dazu beitragen, Ausgrenzung und Diskriminierung zu verhindern. Sie ist der Ansicht, dass der Begriff „werdende Mutter“ für Transgender-Personen unangebracht ist. Also beispielsweise für Frauen, die zwar rein rechtlich gesehen Männer sind, sich aber dennoch die Gebärfähigkeit erhalten haben.

Übersetzer müssen sich daher, sowohl in der Fremd- als auch in der Zielsprache, der sprachlichen und kulturellen Gegebenheiten bewusst sein, um eben solche Zwickmühlen zu vermeiden. Ein deutscher Übersetzer würde bei „expectant persons“ vermutlich dennoch zu „werdenden Müttern“ oder „Schwangeren“ tendieren, schlicht und ergreifend, weil eine größere Diskussion um Transgender-Personen und deren Diskriminierung in der deutschen Öffentlichkeit noch nicht präsent ist.
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